Fake-News: Der angebliche Ritualmord in Judenstein (heute übermaltes Bild aus der Wallfahrtskirche)

In einem malerischen Alpental bei Innsbruck liegt ein Dorf wie aus der Butterwerbung: saftige Wiesen, Tannenwipfel und eine Kirche mit Zwiebeltürmchen. Nur sein Name ist etwas, nun ja, irritierend: Judenstein.

Warum der Ort so heißt, berichten die Gebrüder Grimm in ihren „Deutschen Sagen“: Im Jahr 1462 kauften durchreisende Juden angeblich einem armen Bauern dessen Sohn ab, verschleppten das Kleinkind in einen Wald und folterten es auf einem großen Stein zu Tode. Als der Vater des kleinen Andreas, so der Name des Jungen, sah, dass sich das Geld, das er für ihn bekommen hatte, in Laub verwandelt hatte, wurde er wahnsinnig. Die Mutter des Kindes aber trug die Leiche in die Dorfkirche, wo es schon bald wie ein Heiliger verehrt wurde.

Nichts daran ist wahr. Die Geschichte vom Mord auf dem Judenstein ist nur eine von vielen Legenden, in denen sich die damalige Judenfeindlichkeit ausdrückte. Heute würden wir sagen: Fake-News. Immer wieder wurden Juden beschuldigt, Hostien zu schänden, Christenkinder zu kreuzigen oder Brunnen zu vergiften. Auch ohne Facebook („Armes Heiliges Römisches Reich!!!1!!11“) verbreiteten sich diese Lügen rasch – und boten oft genug einen willkommenen Anlass für Gewalttaten gegen die stigmatisierte Minderheit.

Übrigens: Die Tatsache, dass es den Mord nie gegeben hat, hat die Kirche nicht daran gehindert, ihn für sich zu nutzen. Über den angeblichen Gebeinen des ermordeten Jungen wurde 1671 ein Gotteshaus erbaut. Auch der Judenstein wurde dorthin gebracht. Der neue Wallfahrtsort florierte. 1753 sprach der Papst den Jungen sogar selig. Erst 1994 setzte der Bischof von Innsbruck dem Kult offiziell ein Ende. Seinen Namen aber trägt der Ort noch immer.

Quellen:

https://www.heiligenlexikon.de/BiographienA/Andreas_Oxner.html

Werner Bergmann, Geschichte des Antisemitismus, C.H. Beck