Barcelona: Propaganda der bösen Tat

Am Abend des 7. November 1893 steht im Opernhaus von Barcelona, dem „Gran Teatre del Liceu“, eine Aufführung von „Wilhelm Tell“ auf dem Programm. Im Parkett sitzen einige der vornehmsten und reichsten Bürger der Stadt. Auf der Tribüne wartet ein Mörder. Sein Name: Santiago Salvador. Während des zweiten Aktes wirft der junge Spanier plötzlich zwei Bomben in den Zuschauerraum. Obwohl nur eine von beiden explodiert, ist der Schaden groß. 15 Menschen sterben sofort, etwa die gleiche Zahl erliegt später ihren Verletzungen.

Die Oper, die an diesem Abend gespielt wird, gibt einen Hinweis auf die Motivation des Täters. Die Geschichte von Wilhelm Tell, eines Freiheitskämpfers und Tyrannenmörders, muss Salvador gefallen. Denn er ist ein Anarchist, der eine herrschaftsfreie Gesellschaft herbeibomben will. Die Vordenker des Anarchismus, auf die er sich beruft, mögen den Massenmord als politisches Mittel ablehnen, doch ihre selbst ernannten Schüler schockieren die Welt mit spektakulären Attentaten. Binnen weniger Jahre ermorden anarchistische Terroristen unter anderem den französischen Präsidenten, den italienischen König, Kaiserin Sissi und den US-Präsidenten William McKinley.

Gemessen am Schrecken, den Salvadors Bomben anrichten, erscheint die Berichterstattung in der britischen „Times“ sehr zurückhaltend. Die Zeitung schildert das Attentat erst auf der dritten Seite. Die Kämpfe im afrikanischen Matabeleland halten die Redakteure für wichtiger. Ganz anders die Blätter des „new journalism“, die in den USA mit riesigen Überschriften und unterhaltsamen Texten auf den Massenmarkt zielen. Die „World“ von Joseph Pulitzer etwa räumt dem Anschlag von Barcelona viel Platz ein. Es ist die bis dahin meistverkaufte Ausgabe in der Geschichte der USA.

So erzählt der Anschlag auf das Liceu nicht nur von den Anfängen des modernen Terrorismus, sondern auch von seiner Symbiose mit den sensationsgierigen Massenmedien.

Quelle: Richard Bach Jensen, The Battle against Anarchist Terrorism“, CUP 2014