1949: Hier kam Kurt

In Zeiten, in denen sich Wahlplakate bisweilen nur mit Mühe von Werbung für Herrenmode unterscheiden lassen, erscheint es verrückt, dass die SPD im Jahr 1949 mit Kurt Schumacher in den Bundestagswahlkampf gezogen ist. In den Anfangsjahren der Republik war der Sozialdemokrat der große Gegenspieler von Konrad Adenauer, um ein Haar wäre er sogar Kanzler geworden – heute ist er weitgehend vergessen. Auch weil er schon 1952 verstarb.

Schumacher war ein Gezeichneter. In seinem geschundenen Körper spiegelten sich die deutschen Katastrophen des 20. Jahrhunderts: Als Kriegsfreiwilliger wurde er 1914 so schwer verwundet, dass ihm der rechte Arm amputiert werden musste. In den letzten Jahren der Weimarer Republik zog er sich als Reichtagsabgeordneter den Hass der NSDAP auf sich. Deren Ideologie sei ein dauernder „Appell an den inneren Schweinehund im Menschen“. Touché.

Nachdem die Nazis die Macht in Deutschland übernommen hatten, wurde Schumacher ins Konzentrationslager gesteckt und gefoltert. Die jahrelange Dunkelhaft ruinierte seine Sehkraft. Als er 1946 zum SPD-Vorsitzenden gewählt wurde, war er ein bereits schwerkranker Mann. 1948 musste ihm wegen einer Thrombose ein Bein abgenommen werden.

Im Wahlkampf 1949 machte Schumacher eine unglückliche Figur. Zu hart, zu kompromisslos trat er auf. Seinen Konkurrenten beschimpfte er als „Lügenauer“, die katholische Kirche als „fünfte Besatzungsmacht“. Die schrillen Töne passten nicht zur Stimmung der Deutschen, die sich nach den Schreckensjahren des Krieges vor allem nach Ruhe sehnten. Ergebnis: 29,2 Prozent (Union: 31 Prozent).

Quelle: Daniela Forkmann und Saskia Richter, Gescheiterte Kanzlerkandidaten, Springer 2007