DDR-Fernsehen: Ein Kessel Graues

Der Name, den sich die Erpresser gegeben haben, klingt wie eine Terrororganisation für deutsche Wutbürger: „Gruppe Volkszorn“. Und tatsächlich spricht viel Unmut aus dem Drohbrief, den ein oder mehrere Sachsen am 10. Juli 1984 an den Staatsrat der DDR schicken. Ihr Schreiben haben sie – wie es sich für anständige Erpresser gehört – aus alten Zeitungen zusammengebastelt.

Der Text liest sich entsprechend abgehackt: „Aus kochendem Untergrund in Dresden Forderungen, denen keiner ausweichen kann. BRD Rundfunk- und Fernsehprogramm. Wir drohen mit Gewalt. Einsatz einer Arbeitsgruppe. Bereit zum Sprengen des FS und UKW-Turm Dresden/Wachwitz. UKW-Sender Löbau. Forderungen überbracht. In die Tat umsetzen bis 6. 11. 1984.“

Die Absender, so viel ist klar, gehören zu jenen unglücklichen 15 Prozent der DDR-Bürger, die kein Westfernsehen schauen können. Vor allem im äußersten Südosten sind die Sender aus der Bundesrepublik nicht zu empfangen. Als „Tal der Ahnungslosen“ wird die Gegend verspottet und das Kürzel ARD übersetzen manche scherzhaft mit „Außer Raum Dresden“. Während ihre Mitbürger allabendlich zumindest vor dem Fernseher in den Westen ausreisen können, müssen sich viele Sachsen mit dem Staatsfunk der DDR zufrieden geben. Die Gruppe Volkszorn, so scheint es, will dem Elend nicht mehr länger tatenlos zusehen.

Als die Stasi von der Drohung erfährt, beginnt eine aufwendige Jagd auf die Urheber des Schreibens. Im Rahmen des „Operativen Vorgangs Turm“ starten die Beamten eine Rasterfahndung, die nicht nur all jene ins Visier nimmt, die sich schon einmal über die Empfangssituation beschwert haben, sondern auch Bürger, die für  Wandzeitungen Presseausschnitte verwenden. Mehr als 1800 Personen werden überprüft. Dennoch: Die Stasi tappt im Dunkeln.

Die Erpresser melden sich noch ein letztes Mal. Wenige Tage nachdem die im ersten Brief gesetzte Frist verstrichen ist (ohne, dass irgendetwas geschehen wäre), geht ein zweites Schreiben bei den Behörden ein. Erneut drohen die Erpresser mit Anschlägen. Zitat: „Sprengen ist leicht, denn Technik ist empfindlich, wie ihr.“ Doch wieder passiert nichts. Danach schweigt die Gruppe Volkszorn. Wer sich dahinter verbirgt, ist bis heute nicht bekannt. Die Akte „Turm“ wird 1987 geschlossen.

Heute ist ausgerechnet das „Tal der Ahnungslosen“ eine Hochburg der AfD – einer Partei, die unter anderem das öffentlich-rechtliche Fernsehen abschaffen will.  Verrückte Geschichte.

Quelle: Hans-Jörg Stiehler, Leben ohne Westfernsehen, Leipziger Universitätsverlag