Oktoberfest: Die Bavarisierung des Abendlandes

Im Jahr 1878 amüsieren sich die Besucher des Oktoberfestes nicht nur in den Bierzelten, sondern auch im „Anatomischen und ethnologischen Museum“. Darin präsentiert ein Schausteller mehrere von verschiedensten Leiden gezeichnete Wachsfiguren. Die Presse reagiert mit Ekel auf die Attraktion. Vor allem die gezeigten Hautkrankheiten werden negativ erwähnt.

Das ist nicht die einzige verrückte Geschichte, die sich über das größte Volksfest der Welt erzählen lässt. Das hier ist meine Top-4.

1. 1865 musste die bayerische Armee ausrücken, um die Ordnung auf der Wiesn wiederherzustellen. Grund war eine gewöhnliche Streiterei, die außer Kontrolle geraten war. Todesopfer gab es keine, aber sechs Menschen wurden verletzt und 114 verhaftet. Um solche Ausschreitungen in Zukunft zu verhindern, wollte die Münchner Polizeidirektion danach den Bierausschank einschränken, doch das ging den Stadtoberen zu weit. Stattdessen einigte man sich darauf, Kegelbahnen und Tanzplätze zu verbieten, weil gerade dort Besucher oft in Streit gerieten.

2. Das Oktoberfest gilt ja als echt bayerisches Fest, aber bis in die 1950er Jahre begeisterten sich die Besucher auch für exotische „Völkerschauen“, bei denen sie Bewohner fremder Erdteile begaffen durften. 1910 wurde auf der Theresienwiese etwa ein „Samoa-Dorf“ errichtet.

3. 1957 wurden die Bundestagswahlen eine Woche verschoben, um nicht mit der Eröffnung des Oktoberfestes zu kollidieren.

4. Nichts sagt so sehr „Bayern!“ wie ein springender Wal. Das dachte sich wohl ein Wiesn-Schausteller im Jahr 1971. Er ließ das 2,5 Tonnen schwere Tier mit einem Spezialflugzeug aus den USA einfliegen und in einem 4500 Besucher fassenden Riesenzelt seine Kunststücke vorführen. Unter anderem durften Mädchen auf dem Meeressäuger reiten. Einen Tag nach Ende des Oktoberfestes ging der Orca ein.

Quelle: Fritz Fenzl, 175 Jahre Oktoberfest, Bruckmann 1985