Analog-Tinder: Die Heiratsannonce

Es ist eine vergessene Revolution und mindestens so weltbewegend wie die Erfindung des Rechtswischens: Am 8. Juli 1738 erscheint in Deutschland die erste gedruckte Heiratsannonce. In den Frankfurter „Frag- und Anzeige-Nachrichten“ sucht „ein honettes Frauenzimmer ledigen Standes, guter Gestalt, einen“ – manche Dinge ändern sich nie – „Doctor oder Advocaten ledigen Standes [der] groß und wohl aussieht.“ Keine Ahnung, ob sie ihn gefunden hat. Auch der Name der Frau ist nicht überliefert.

Die neue Mode kommt aus England, wo schon 1695 zum ersten Mal ähnliche Inserate zu lesen waren. Etwa: „Junger Mann von rund 25 Jahren, in einer guten Branche, dessen Vater ihm 1000 Pfund vermachen wird, würde sehr gerne ein passendes match umarmen.“ Klingt ein bisschen nach Tinder, aber während manche bei der Dating-App auch mit Bauchmuskeln und Bikini-Figuren punkten, geht es damals vor allem um Geld. Ein Inserent beschreibt seine Traumfrau als vermögendes „Gentlewoman“ mit einem Vermögen von 3000 Pfund.

Die neue Methode des Kennenlernens scheint zu funktionieren, doch bei den Pionieren herrscht dennoch Rechtfertigungsbedarf. Die erste Annonce aus Hamburg (1792) ist dementsprechend weitschweifig: Da solche „Bekanntmachungen“ wie seine ungewöhnlich seien, schreibt der Junggeselle, „wird mancher diese Ankündigung sonderbar finden, ja wohl gar nachteilige Urteile darüber fällen. Mein Trost hierbei ist nun dieser, dass dies doch nur von einem sehr kleinen Teil des Publikums geschehen dürfte, und dass alles Neue und Ungewöhnliche einem solchen Schicksal unterworfen ist.“ Einer müsse eben den Anfang machen.

Gilt heute immer noch.

Quelle: Peter Kaupp, Das Heiratsinserat im sozialen Wandel, Enke 1968