Mr. Psalmanazar: Ein Mann ist eine Insel

Im Sommer 1703 hat London einen neuen Star. Einen 24-Jährigen, der rohes Fleisch isst und eine Sprache spricht, die nie zuvor ein Mensch gehört hat. Er nennt sich George Psalmanazar und behauptet, von der Insel Formosa zu stammen (heute Taiwan). Angeblich hat ihn ein perfider Jesuit nach Europa verschleppt. Sein schnell wachsendes Publikum unterhält der exotische Besucher mit Geschichten aus seiner Heimat. So fabuliert er von sagenhaft reichen Kaisern, Kinderopfern und Kannibalen (hingerichtete Kriminelle gelten angeblich als besondere Delikatesse).

Dass Psalmanazar blonde Haare hat, perfekt Latein spricht und auch sonst wie ein Europäer aussieht, stört die Masse nicht weiter. Wenn eine Story so gut ist wie seine, sollte man nicht zu viel nachbohren. Die „Royal Society“ jedoch, in der die führenden Gelehrten des Königreiches versammelt sind, bittet den Mann aus Formosa zum Rapport. Doch der weiß auf jede Frage eine Antwort: Warum widersprechen seine Schilderungen den Berichten europäischer Reisender? Weil letztere nur die Westküste gesehen hätten, das echte Formosa jenseits der Berge sei ihnen verschlossen geblieben. Warum ist er so bleich? Nun, er gehöre zur Oberschicht und die lebe unter der Erde. Der Astronom Edmund Halley versucht, ihn hochwissenschaftlich zu überführen: Wie lange scheint die Sonne in die Schornsteine der Formosaner, will der Gelehrte wissen. Überhaupt nicht, antwortet Psalmanazar. Die Schornsteine in seiner Heimat seien nämlich alle krumm.

Ein Jahr nach seiner Ankunft veröffentlicht Psalmanazar eine historisch-geographische Abhandlung über Formosa. Das Werk ist sogleich ausverkauft. Ein Bestseller, der 1716 auch auf Deutsch erscheinen wird. 1705 geht der vermeintliche Ureinwohner zum Studium nach Oxford. Danach verblasst sein Ruhm allmählich, die Zahl der Zweifler wächst. Später arbeitet Psalmanazar als Lateinlehrer, Schreiber und Maler. In den 1720er Jahren wendet er sich theologischen Studien zu. Ein Prominenter ist er da längst nicht mehr, aber von nun an erwirbt er sich einen Ruf als durchaus anerkannter Bibelforscher. Sein wichtigstes Buch erscheint 1764, ein Jahr nach seinem Tod.

Darin erzählt er die Geschichte eines armen Jungen aus Frankreich, der nicht nur eine Sprache erfand, sondern ein ganzes Land, mitsamt Menschen, Bräuchen und Traditionen. Es sind seine Memoiren.

Quelle: Michael Keevak, The Pretended Asian, Wayne State UP, 2004