Astrid Lindgren: Pippi und die Steuerquote

Nein, würde sie natürlich nicht. Aber 1976 kämpfte die schwedische Kinderbuchautorin gegen einen Feind, auf den auch deutsche Liberale gerne schimpfen: den Spitzensteuersatz. In diesem Jahr bekam die Mutter von Pippi Langstrumpf einen Steuerbescheid, der mindestens so absurd ist wie die Vorstellung, dass sich ein neunjähriges Mädchen mit einem Pferd und einem Affen eine Villa teilt. 102 Prozent sollte Lindgren ans Finanzamt zahlen! Schuld war das immer unübersichtlichere schwedische Steuerrecht mit seinen traditionell hohen Abgabenquoten.

Lindgren, die sich eigentlich nicht viel aus Geld machte und einen bescheidenen Lebensstil pflegte, war außer sich. Seit den 1930er Jahren hatte sie die regierenden Sozialdemokraten unterstützt, aber das ging zu weit. Also schrieb sie kurzerhand ein Märchen über zu hohe Steuern, das am 10. März in einer der größten Tageszeitungen des Landes erschien. Titel: „Pomperipossa in Monismanien“. Darin erhält die Heldin, eine Kinderbuchautorin, ebenfalls einen Steuerbescheid über 102 Prozent und beschließt daraufhin, überhaupt nicht mehr zu arbeiten. Stattdessen lebt sie von Sozialhilfe und erbettelt sich Geld, um einen Kuhfuß zu kaufen, mit dem sie Staatskasse aufbrechen will.

Mit ihrem Text löste Lindgren eine heftige Debatte über das schwedische Steuersystem aus. Für die sozialdemokratische Regierung kam die Attacke der prominenten Autorin zur Unzeit. 1976 war ein Wahljahr und eigentlich wollte der Ministerpräsident Olof Palme mit den Themen „Demokratie am Arbeitsplatz“ und Familienpolitik punkten. Stattdessen verlor er die Wahlen. Zum ersten Mal seit mehr als 40 Jahren stellten die Sozialdemokraten nicht mehr die Regierung in Schweden.

Jens Andersen, Astrid Lindgren: Ihr Leben, Pantheon 2017