Willy Brandts Zeugnis: Englisch (genügend), Deutsch (gut), Ostpolitik (sehr gut)

Was haben prominente Deutsche in ihren Abituraufsätzen abgeliefert: Unfug oder eine Kostprobe späterer Größe? Dieser Frage ist vor mehr als 30 Jahren die Journalistin Birgit Lahann nachgegangen – und hat unter anderem dieses geniale Bonmot des ersten SPD-Kanzlers gefunden.

Berlin ist konzentrierte Provinz.

Dabei war Berlin gar nicht das Thema, das die Schüler am Lübecker Johanneum diskutieren sollten. Sondern – passend zur Weltwirtschaftskrise, die 1932 ihrem Höhepunkt zustrebte: „Wir sind eine Jugend ohne Hoffnung.“ Der 19-jährige Herbert Frahm (den Decknamen Willy Brandt legte er sich erst im Exil zu) machte sich keine Illusionen. In Zeiten wie diesen sei das Abitur ein „Berechtigungsschein, der zu nichts berechtigt.“ Frahm wich damit zwar radikal von der optimistischen Klassenmeinung ab, bekam aber trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) ein „sehr gut“.

Hier ist die Top-3 meiner Lieblingsfundstücke.

1. Karl Marx, Abi 1835, „Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl seines Berufes“

Der berühmte Bart und Vordenker des Kommunismus, Karl Marx, legte 1835 seine Abiturprüfung in Trier ab. Obwohl es in dem Aufsatz um die praktische Frage der Berufswahl gehen sollte, vollbrachte er das Kunststück, jeden Hinweis darauf zu vermeiden, was er denn konkret nach der Schule plante. Stattdessen: eine Meditation über die großen Dinge.

„Die Hauptlenkerin aber, die uns bei der Standeswahl leiten muss, ist das Wohl der Menschheit, unsere eigene Vollendung“. Nicht „egoistische Freude“ sei erstrebenswert, sondern das Glück von Millionen. Note: „ziemlich gut“. Am Ende studierte Marx übrigens Jura. Keine Pointe.

2. Sigmund Freud, Matura 1873, griechische Übersetzung

So viel vorweg: Sigmund Freud war schon als Jugendlicher ein Brain, beziehungsweise ein Blitzgneißer, wie die Österreicher sagen würden. Das wussten auch seine Lehrer und stellten ihm deshalb eine besonders schwere Aufgabe in der Griechischprüfung: Statt einer Passage aus den Werken Platons musste Freud Verse des Tragödiendichters Sophokles übersetzen. Ausgerechnet aus „König Ödipus“. Ziemlich komplex (sorry!). Am Ende gab es für ihn trotzdem die Höchstnote summa cum laude. Blitzgneißer eben.

3. Konrad Adenauer, Abi 1894, „Tasso und die beiden Frauengestalten in dem Goetheschen Drama“

Für den späteren Bundeskanzler und seine Mitschüler am Kölner Apostel-Gymnasium ging 1894 der Traum aller Abiturienten in Erfüllung: Sie kannten die Aufgabe schon vorher. Ihr eigener Lehrer hatte sie ihnen verraten! Wie es dazu kam? Einige Wochen vor dem Prüfungstermin setzte ein Schlaganfall den Lehrer der Klasse, Professor Brüggemann, außer Gefecht. Sein Vertreter machte Adenauer und seinen Mitschülern Angst, dass sie das Abitur bei ihm (!) nicht bestehen würden. Daraufhin wendeten sich die Jungen an Brüggemann, der ihnen nach langem Bitten die Aufgabe verriet. Adenauer bekam wegen seines schwerfälligen Stils übrigens nur ein „genügend“.

Quelle: Birgit Lahann, Abitur: Von Duckmäusern und Rebellen – 150 Jahre Zeitgeschichte in Aufsätzen prominenter Deutscher, Gruner und Jahr, 1982