Menü Schließen

Monat: Dezember 2017

Do you remember the first time?

Ich habe heute ein wenig im Drucksachenarchiv des Bundestages gespielt. Frage: Wann sind gewisse Schlüsselbegriffe zum ersten Mal in den Debatten aufgetaucht? Hier sind die Ergebnisse.

1. Internet

Im Dezember 1994 ermahnte Herta Däubler-Gmelin (SPD) den Gesetzgeber, das sich entwickelnde Rechnernetz nicht zu vernachlässigen. Fast 20 Jahre später war es für manche immer noch Neuland.

2. Handy

Der niedersächsische Ministerpräsident hat ein Handy? Nein! Doch! Oh! Deutschland 95.

3. Feminismus

Heiner Geißler (CDU), im Februar 1985 Bundesminister für Gesundheit, Jugend und Familie, wußte, was junge Frauen wollen.

4. Holocaust

Als die deutschen Parlamentarier im Jahr 1979 im Plenarsaal zum ersten Mal das Wort „Holocaust“ hörten, ging es noch um eine amerikanische Fernsehserie. Redner: Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD).

5. Terrorismus

Andere Zeiten, andere Krisenregionen: Im Jahr 1966 wies der FDP-Abgeordnete William Borm Anschuldigungen der kommunistischen Presse zurück, Bayern würde Südtiroler Terroristen unterstützen.

 

 

Tötet den Weihnachtsmann!

Dijon 1951: The Burning Weihnachtsmann Festival

Der freundliche ältere Herr muss sterben. Weil er ein Ketzer ist, der Kinder zu heidnischen Riten verführt und den Heiland aus ihren Herzen verdrängt. Schon mehrfach haben französische Bischöfe die Hinrichtung des Mannes gefordert – am 23. Dezember 1951, zwei Tage vor dem Fest der Liebe, will ein frommer Mob das Urteil in Dijon vollstrecken.

Gegen 15 Uhr marschiert eine Gruppe von rund 250 Kindern zur Kathedrale der ostfranzösischen Stadt. Aufgestachelt hat die Sonntagsschüler ein katholischer Priester. Gröhlend hängen die Jugendlichen den Todgeweihten an den eisernen Zaun der Bischofskirche. Das Objekt ihres Hasses ist ein lebensgroßes Abbild des Weihnachtsmannes.

Erst werfen sie nur mit Bananen- und Apfelsinenschalen nach der Puppe, dann zünden sie deren weißen Bart an – und „Père Noël“ geht unter Jubelschreien in Flammen auf. An der Kirchentür hinterlassen die Täter eine Notiz, die die öffentliche Exekution rechtfertigen soll: „Dies ist“, so schreiben sie, „ein lauter Protest gegen eine lügnerische Mythe, die unfähig ist, religiöses Gefühl in den Kindern zu erwecken.“ Der Weihnachtsmann entspringe Geistern, die Gott nicht kennen. Für Christen aber müsse Weihnachten die jährliche Feier der Geburt des Heilands bleiben.

Im Nachkriegsfrankreich ist der Weihnachtsmann eine umstrittene Figur. Vor allem konservative Franzosen sehen in ihm ein Symbol für die immer stärkere „Amerikanisierung“ des Festes. Und tatsächlich verbreiten sich in den frühen 50er Jahren zahlreiche neue Bräuche im Land – etwa bedrucktes Geschenkpapier und Weihnachtsgrußkarten. Aber auch außerhalb Frankreichs hat „Santa Claus“, der eher an eine heidnische Gottheit als an eine biblische Figur erinnert, viele Feinde. Der erste Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation behauptet etwa, der Glaube an den Weihnachtsmann führe bei Kindern zu einem „Gefühl der Verantwortungslosigkeit“ und „aggressiven Reaktionen“.

In Dijon schlagen die Anhänger von „Père Noël“ schon in der Heiligen Nacht zurück: Zu Hunderten versammeln sie sich im Laternenschein auf dem Rathausplatz der Stadt. Und plötzlich taucht der Hingerichtete tatsächlich auf dem First des Rathauses auf. Lachend streicht er sich über seinen Bart und sagt: „Niemand kann mich töten, denn wenn ich stürbe, blieben eure Strümpfe morgen früh leer. Nur so lange ihr an mich glaubt, gibt es Geschenke in Mengen.“ Chapeau, Herr Weihnachtsmann.

Quellen:

Claude Lévi-Strauss, Father Chrismas Executed

Das Wunder von Dijon, Der SPIEGEL 1/1952

© 2018 Verrückte Geschichte. Alle Rechte vorbehalten.

Thema von Anders Norén.