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Monat: Oktober 2017

Dr. Luthers Hassapotheke

Dr. Luther and Mr. Hyde

Wenn ich heute schon seinetwegen frei habe, will ich wenigstens über ihn schreiben. Hier sind 14 weniger bekannte Aussprüche des großen deutschen Reformators – oder sollte ich besser sagen: des großen deutschen Hasspredigers?

1. Gott schuf den Mann mit breiter Brust und schmalen Hüften, damit großzügig Platz für die Weisheit sei. Die Kloake für die Ausscheidungen aber machte er klein. Bei der Frau ist das gerade umgekehrt. Deshalb haben die Frauen viel Ausscheidungen, aber wenig Weisheit.

2. Die Bauern sind heutzutage vollkommene Schweine. Sie sind es nicht wert, Kinder zu haben, sondern nur Säue.

3. An ihrer Vertreibung und Verfolgung sind sie [die Juden] selber schuld; sollen sie doch die Gründe nennen, warum sie 1500 Jahre vertrieben sind, ein Volk ohne König, ohne Gesetz, ohne Prophet, ohne Tempel. Sie können keine andere Ursache nennen als ihre Sünden.

4. Der Türke ist der letzte und ärgste Zorn des Teufels.

5. Juristen können nichts, und wenn sie viel wissen, so können Sie einen Kuchen [Küche] und Scheißhaus bauen und aufrichten; schmeckt es wohl in der Küche, so wird es desto übler stinken im Scheißhaus.

6. Die Biersäufer sind betrunkene Schweine, die das Reich Gottes nicht zu sehen bekommen werden.

7. Darum wisse du, lieber Christ, dass du nächst dem Teufel keinen bittereren, giftigeren, heftigeren Feind hast als einen rechten Juden. Kein blutdürstigeres und rachgierigeres Volk hat die Sonne je beschienen.

8. Die Spanier sind völlig zügellos, sie übertreffen die Italiener und Franzosen mit ihrer Bosheit. Es kann sie keine Nation leiden.

9. Es ist kein Rock, der einer Frau oder Jungfrau so übel ansteht, als wenn sie klug sein will.

10. Der Mensch ist aus Kot.

11. Ein rechter Jurist, ein böser Christ.

12. Weiberregiment nimmt selten ein gutes End.

13. Um Deutschland steht es schlecht. Mit Deutschland ist es aus.

14. Ich glaube, dass die Welt keine 100 Jahre mehr dauern wird.

Quelle: Günter Scholz, „Habe ich nicht genug Tumult ausgelöst?“, Martin Luther in Selbstzeugnissen, C. H. Beck 2016

Astrid Lindgren würde FDP wählen

Astrid Lindgren: Pippi und die Steuerquote

Nein, würde sie natürlich nicht. Aber 1976 kämpfte die schwedische Kinderbuchautorin gegen einen Feind, auf den auch deutsche Liberale gerne schimpfen: den Spitzensteuersatz. In diesem Jahr bekam die Mutter von Pippi Langstrumpf einen Steuerbescheid, der mindestens so absurd ist wie die Vorstellung, dass sich ein neunjähriges Mädchen mit einem Pferd und einem Affen eine Villa teilt. 102 Prozent sollte Lindgren ans Finanzamt zahlen! Schuld war das immer unübersichtlichere schwedische Steuerrecht mit seinen traditionell hohen Abgabenquoten.

Lindgren, die sich eigentlich nicht viel aus Geld machte und einen bescheidenen Lebensstil pflegte, war außer sich. Seit den 1930er Jahren hatte sie die regierenden Sozialdemokraten unterstützt, aber das ging zu weit. Also schrieb sie kurzerhand ein Märchen über zu hohe Steuern, das am 10. März in einer der größten Tageszeitungen des Landes erschien. Titel: „Pomperipossa in Monismanien“. Darin erhält die Heldin, eine Kinderbuchautorin, ebenfalls einen Steuerbescheid über 102 Prozent und beschließt daraufhin, überhaupt nicht mehr zu arbeiten. Stattdessen lebt sie von Sozialhilfe und erbettelt sich Geld, um einen Kuhfuß zu kaufen, mit dem sie Staatskasse aufbrechen will.

Mit ihrem Text löste Lindgren eine heftige Debatte über das schwedische Steuersystem aus. Für die sozialdemokratische Regierung kam die Attacke der prominenten Autorin zur Unzeit. 1976 war ein Wahljahr und eigentlich wollte der Ministerpräsident Olof Palme mit den Themen „Demokratie am Arbeitsplatz“ und Familienpolitik punkten. Stattdessen verlor er die Wahlen. Zum ersten Mal seit mehr als 40 Jahren stellten die Sozialdemokraten nicht mehr die Regierung in Schweden.

Jens Andersen, Astrid Lindgren: Ihr Leben, Pantheon 2017

Spaß mit Flaggen

Arm dran: US-Schüler beim Treueschwur

Das kann nicht stimmen, das muss eine Fälschung sein. Oder zumindest ein Standbild aus einem dystopischen Film. Einer Schreckensvision eines faschistischen Amerikas. Und doch: Dieses Foto ist echt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erwiesen US-Schulkinder ihrer Flagge tatsächlich mit erhobenem rechten Arm die Ehre. Wer jetzt denkt, dass das verdächtig nach Hitlergruß aussieht, dem geht es so wie dem Kongress. Aber dazu später mehr.

Erfunden wurde der Treueschwur auf die Flagge – der „Pledge of Allegiance“ – anlässlich des 400. Jahrestages von Christopher Kolumbus Ankunft in der Neuen Welt (1892). Der Herausgeber eines auflagenstarken Familienmagazins hatte sich überlegt, dass die USA ein bisschen mehr einenden Patriotismus gebrauchen könnten. Weniger als drei Jahrzehnte nach Ende des Bürgerkrieges, in dem Amerikaner gegen Amerikaner gekämpft hatten, keine absurde Idee.

Den Text des Gelöbnisses verfasste ein Mitarbeiter des Verlegers, der 37-jährige Pastor Francis J. Bellamy. Ergebnis: „I pledge allegiance to my flag and the Republic for which it stands—one Nation indivisible—with liberty and justice for all.“ Während die Schulkinder den Eid aufsagten, sollten sie die Flagge im Klassenraum mit erhobenem rechten Arm grüßen („Bellamy Salute“). Der Treueschwur verbreitete sich rasch überall in den Vereinigten Staaten. Ein voller Erfolg – bis die Faschisten kamen. Erst in Italien, dann auch in Deutschland.

Spätestens in den 1930er Jahren war der Anblick von jungen Amerikanern mit ausgestrecktem rechten Arm ziemlich peinlich. Dennoch erließ der US-Kongress erst 1942 ein Flaggengesetz, dass eine andere Form der Ehrbezeugung vorschrieb. Fortan sollten die Amerikaner beim Gruß des Sternenbanners die Hand aufs Herz legen. Und so ist diese „uramerikanische“ Geste, wie so viele Traditionen, gerade mal ein Menschenleben alt.

Quellen:

https://www.smithsonianmag.com/history/the-man-who-wrote-the-pledge-of-allegiance-93907224/

https://www.smithsonianmag.com/smart-news/rules-about-how-to-address-us-flag-came-about-because-no-one-wanted-to-look-like-a-nazi-180960100/

Die TV-Terroristen

DDR-Fernsehen: Ein Kessel Graues

Der Name, den sich die Erpresser gegeben haben, klingt wie eine Terrororganisation für deutsche Wutbürger: „Gruppe Volkszorn“. Und tatsächlich spricht viel Unmut aus dem Drohbrief, den ein oder mehrere Sachsen am 10. Juli 1984 an den Staatsrat der DDR schicken. Ihr Schreiben haben sie – wie es sich für anständige Erpresser gehört – aus alten Zeitungen zusammengebastelt.

Der Text liest sich entsprechend abgehackt: „Aus kochendem Untergrund in Dresden Forderungen, denen keiner ausweichen kann. BRD Rundfunk- und Fernsehprogramm. Wir drohen mit Gewalt. Einsatz einer Arbeitsgruppe. Bereit zum Sprengen des FS und UKW-Turm Dresden/Wachwitz. UKW-Sender Löbau. Forderungen überbracht. In die Tat umsetzen bis 6. 11. 1984.“

Die Absender, so viel ist klar, gehören zu jenen unglücklichen 15 Prozent der DDR-Bürger, die kein Westfernsehen schauen können. Vor allem im äußersten Südosten sind die Sender aus der Bundesrepublik nicht zu empfangen. Als „Tal der Ahnungslosen“ wird die Gegend verspottet und das Kürzel ARD übersetzen manche scherzhaft mit „Außer Raum Dresden“. Während ihre Mitbürger allabendlich zumindest vor dem Fernseher in den Westen ausreisen können, müssen sich viele Sachsen mit dem Staatsfunk der DDR zufrieden geben. Die Gruppe Volkszorn, so scheint es, will dem Elend nicht mehr länger tatenlos zusehen.

Als die Stasi von der Drohung erfährt, beginnt eine aufwendige Jagd auf die Urheber des Schreibens. Im Rahmen des „Operativen Vorgangs Turm“ starten die Beamten eine Rasterfahndung, die nicht nur all jene ins Visier nimmt, die sich schon einmal über die Empfangssituation beschwert haben, sondern auch Bürger, die für  Wandzeitungen Presseausschnitte verwenden. Mehr als 1800 Personen werden überprüft. Dennoch: Die Stasi tappt im Dunkeln.

Die Erpresser melden sich noch ein letztes Mal. Wenige Tage nachdem die im ersten Brief gesetzte Frist verstrichen ist (ohne, dass irgendetwas geschehen wäre), geht ein zweites Schreiben bei den Behörden ein. Erneut drohen die Erpresser mit Anschlägen. Zitat: „Sprengen ist leicht, denn Technik ist empfindlich, wie ihr.“ Doch wieder passiert nichts. Danach schweigt die Gruppe Volkszorn. Wer sich dahinter verbirgt, ist bis heute nicht bekannt. Die Akte „Turm“ wird 1987 geschlossen.

Heute ist ausgerechnet das „Tal der Ahnungslosen“ eine Hochburg der AfD – einer Partei, die unter anderem das öffentlich-rechtliche Fernsehen abschaffen will.  Verrückte Geschichte.

Quelle: Hans-Jörg Stiehler, Leben ohne Westfernsehen, Leipziger Universitätsverlag

Die Hautattraktion

Oktoberfest: Die Bavarisierung des Abendlandes

Im Jahr 1878 amüsieren sich die Besucher des Oktoberfestes nicht nur in den Bierzelten, sondern auch im „Anatomischen und ethnologischen Museum“. Darin präsentiert ein Schausteller mehrere von verschiedensten Leiden gezeichnete Wachsfiguren. Die Presse reagiert mit Ekel auf die Attraktion. Vor allem die gezeigten Hautkrankheiten werden negativ erwähnt.

Das ist nicht die einzige verrückte Geschichte, die sich über das größte Volksfest der Welt erzählen lässt. Das hier ist meine Top-4.

1. 1865 musste die bayerische Armee ausrücken, um die Ordnung auf der Wiesn wiederherzustellen. Grund war eine gewöhnliche Streiterei, die außer Kontrolle geraten war. Todesopfer gab es keine, aber sechs Menschen wurden verletzt und 114 verhaftet. Um solche Ausschreitungen in Zukunft zu verhindern, wollte die Münchner Polizeidirektion danach den Bierausschank einschränken, doch das ging den Stadtoberen zu weit. Stattdessen einigte man sich darauf, Kegelbahnen und Tanzplätze zu verbieten, weil gerade dort Besucher oft in Streit gerieten.

2. Das Oktoberfest gilt ja als echt bayerisches Fest, aber bis in die 1950er Jahre begeisterten sich die Besucher auch für exotische „Völkerschauen“, bei denen sie Bewohner fremder Erdteile begaffen durften. 1910 wurde auf der Theresienwiese etwa ein „Samoa-Dorf“ errichtet.

3. 1957 wurden die Bundestagswahlen eine Woche verschoben, um nicht mit der Eröffnung des Oktoberfestes zu kollidieren.

4. Nichts sagt so sehr „Bayern!“ wie ein springender Wal. Das dachte sich wohl ein Wiesn-Schausteller im Jahr 1971. Er ließ das 2,5 Tonnen schwere Tier mit einem Spezialflugzeug aus den USA einfliegen und in einem 4500 Besucher fassenden Riesenzelt seine Kunststücke vorführen. Unter anderem durften Mädchen auf dem Meeressäuger reiten. Einen Tag nach Ende des Oktoberfestes ging der Orca ein.

Quelle: Fritz Fenzl, 175 Jahre Oktoberfest, Bruckmann 1985

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