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Monat: September 2017

Deutschland. Ein Tindermärchen

Analog-Tinder: Die Heiratsannonce

Es ist eine vergessene Revolution und mindestens so weltbewegend wie die Erfindung des Rechtswischens: Am 8. Juli 1738 erscheint in Deutschland die erste gedruckte Heiratsannonce. In den Frankfurter „Frag- und Anzeige-Nachrichten“ sucht „ein honettes Frauenzimmer ledigen Standes, guter Gestalt, einen“ – manche Dinge ändern sich nie – „Doctor oder Advocaten ledigen Standes [der] groß und wohl aussieht.“ Keine Ahnung, ob sie ihn gefunden hat. Auch der Name der Frau ist nicht überliefert.

Die neue Mode kommt aus England, wo schon 1695 zum ersten Mal ähnliche Inserate zu lesen waren. Etwa: „Junger Mann von rund 25 Jahren, in einer guten Branche, dessen Vater ihm 1000 Pfund vermachen wird, würde sehr gerne ein passendes match umarmen.“ Klingt ein bisschen nach Tinder, aber während manche bei der Dating-App auch mit Bauchmuskeln und Bikini-Figuren punkten, geht es damals vor allem um Geld. Ein Inserent beschreibt seine Traumfrau als vermögendes „Gentlewoman“ mit einem Vermögen von 3000 Pfund.

Die neue Methode des Kennenlernens scheint zu funktionieren, doch bei den Pionieren herrscht dennoch Rechtfertigungsbedarf. Die erste Annonce aus Hamburg (1792) ist dementsprechend weitschweifig: Da solche „Bekanntmachungen“ wie seine ungewöhnlich seien, schreibt der Junggeselle, „wird mancher diese Ankündigung sonderbar finden, ja wohl gar nachteilige Urteile darüber fällen. Mein Trost hierbei ist nun dieser, dass dies doch nur von einem sehr kleinen Teil des Publikums geschehen dürfte, und dass alles Neue und Ungewöhnliche einem solchen Schicksal unterworfen ist.“ Einer müsse eben den Anfang machen.

Gilt heute immer noch.

Quelle: Peter Kaupp, Das Heiratsinserat im sozialen Wandel, Enke 1968

 

Kurt und gut

1949: Hier kam Kurt

In Zeiten, in denen sich Wahlplakate bisweilen nur mit Mühe von Werbung für Herrenmode unterscheiden lassen, erscheint es verrückt, dass die SPD im Jahr 1949 mit Kurt Schumacher in den Bundestagswahlkampf gezogen ist. In den Anfangsjahren der Republik war der Sozialdemokrat der große Gegenspieler von Konrad Adenauer, um ein Haar wäre er sogar Kanzler geworden – heute ist er weitgehend vergessen. Auch weil er schon 1952 verstarb.

Schumacher war ein Gezeichneter. In seinem geschundenen Körper spiegelten sich die deutschen Katastrophen des 20. Jahrhunderts: Als Kriegsfreiwilliger wurde er 1914 so schwer verwundet, dass ihm der rechte Arm amputiert werden musste. In den letzten Jahren der Weimarer Republik zog er sich als Reichtagsabgeordneter den Hass der NSDAP auf sich. Deren Ideologie sei ein dauernder „Appell an den inneren Schweinehund im Menschen“. Touché.

Nachdem die Nazis die Macht in Deutschland übernommen hatten, wurde Schumacher ins Konzentrationslager gesteckt und gefoltert. Die jahrelange Dunkelhaft ruinierte seine Sehkraft. Als er 1946 zum SPD-Vorsitzenden gewählt wurde, war er ein bereits schwerkranker Mann. 1948 musste ihm wegen einer Thrombose ein Bein abgenommen werden.

Im Wahlkampf 1949 machte Schumacher eine unglückliche Figur. Zu hart, zu kompromisslos trat er auf. Seinen Konkurrenten beschimpfte er als „Lügenauer“, die katholische Kirche als „fünfte Besatzungsmacht“. Die schrillen Töne passten nicht zur Stimmung der Deutschen, die sich nach den Schreckensjahren des Krieges vor allem nach Ruhe sehnten. Ergebnis: 29,2 Prozent (Union: 31 Prozent).

Quelle: Daniela Forkmann und Saskia Richter, Gescheiterte Kanzlerkandidaten, Springer 2007

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Thema von Anders Norén.