Menü Schließen

Monat: August 2017

Von Massenmord und Massenmedien

Barcelona: Propaganda der bösen Tat

Am Abend des 7. November 1893 steht im Opernhaus von Barcelona, dem „Gran Teatre del Liceu“, eine Aufführung von „Wilhelm Tell“ auf dem Programm. Im Parkett sitzen einige der vornehmsten und reichsten Bürger der Stadt. Auf der Tribüne wartet ein Mörder. Sein Name: Santiago Salvador. Während des zweiten Aktes wirft der junge Spanier plötzlich zwei Bomben in den Zuschauerraum. Obwohl nur eine von beiden explodiert, ist der Schaden groß. 15 Menschen sterben sofort, etwa die gleiche Zahl erliegt später ihren Verletzungen.

Die Oper, die an diesem Abend gespielt wird, gibt einen Hinweis auf die Motivation des Täters. Die Geschichte von Wilhelm Tell, eines Freiheitskämpfers und Tyrannenmörders, muss Salvador gefallen. Denn er ist ein Anarchist, der eine herrschaftsfreie Gesellschaft herbeibomben will. Die Vordenker des Anarchismus, auf die er sich beruft, mögen den Massenmord als politisches Mittel ablehnen, doch ihre selbst ernannten Schüler schockieren die Welt mit spektakulären Attentaten. Binnen weniger Jahre ermorden anarchistische Terroristen unter anderem den französischen Präsidenten, den italienischen König, Kaiserin Sissi und den US-Präsidenten William McKinley.

Gemessen am Schrecken, den Salvadors Bomben anrichten, erscheint die Berichterstattung in der britischen „Times“ sehr zurückhaltend. Die Zeitung schildert das Attentat erst auf der dritten Seite. Die Kämpfe im afrikanischen Matabeleland halten die Redakteure für wichtiger. Ganz anders die Blätter des „new journalism“, die in den USA mit riesigen Überschriften und unterhaltsamen Texten auf den Massenmarkt zielen. Die „World“ von Joseph Pulitzer etwa räumt dem Anschlag von Barcelona viel Platz ein. Es ist die bis dahin meistverkaufte Ausgabe in der Geschichte der USA.

So erzählt der Anschlag auf das Liceu nicht nur von den Anfängen des modernen Terrorismus, sondern auch von seiner Symbiose mit den sensationsgierigen Massenmedien.

Quelle: Richard Bach Jensen, The Battle against Anarchist Terrorism“, CUP 2014

In der Aufwärtsspirale

Aufwärts: Wo sind meine Reisekaugummis?

Wenn die Pariser in den 1930er Jahren etwas mutiger beziehungsweise irrer gewesen wären, dann stünden Touristen heute nicht vor dem Eiffelturm Schlange, sondern vor einem 701 Meter hohen Betonriesen namens „Leuchtturm der Welt“. Genauer gesagt: Sie stünden im Stau, denn der besondere Clou des geplanten Baus war eine spiralförmige Rampe, die vom Boden bis zu einem Parkhaus in luftiger Höhe führen sollte.

Der Vater dieses ersten „Drive-In-Aussichtsturms“, Eugène Freyssinet, war kein Spinner, wie man vielleicht denken mag. Im Gegenteil: Der Bauingenieur hatte sich schon einen Namen als Erfinder des Spannbetons gemacht, als er das Turmprojekt für die Pariser Weltausstellung des Jahres 1937 vorschlug. Der Gigant, so seine Schätzung, würde nur 2,5 Millionen Dollar kosten (nach heutigem Wert etwa 42 Millionen Dollar). Damit wäre er halb so teuer wie der 1889 ebenfalls für eine Weltausstellung errichtete Eiffelturm. Problem: Die Verantwortlichen glaubten Freyssinets Kostenvoranschlag nicht und so wurde der Leuchtturm nie gebaut.

Die Weltausstellung fand natürlich trotzdem statt. Eines der Gebäude, das tatsächlich vollendet und mit einer Goldmedaille prämiert wurde, war der deutsche Pavillon. Ein martialischer Marmorbrocken von Albert Speer, inklusive Hakenkreuz. Dann doch lieber das höchste Parkhaus der Welt!

Quelle: http://www.citymetric.com/skylines/6-terrible-construction-projects-were-kind-glad-were-never-built-654

Abi, Abi, Abi

Willy Brandts Zeugnis: Englisch (genügend), Deutsch (gut), Ostpolitik (sehr gut)

Was haben prominente Deutsche in ihren Abituraufsätzen abgeliefert: Unfug oder eine Kostprobe späterer Größe? Dieser Frage ist vor mehr als 30 Jahren die Journalistin Birgit Lahann nachgegangen – und hat unter anderem dieses geniale Bonmot des ersten SPD-Kanzlers gefunden.

Berlin ist konzentrierte Provinz.

Dabei war Berlin gar nicht das Thema, das die Schüler am Lübecker Johanneum diskutieren sollten. Sondern – passend zur Weltwirtschaftskrise, die 1932 ihrem Höhepunkt zustrebte: „Wir sind eine Jugend ohne Hoffnung.“ Der 19-jährige Herbert Frahm (den Decknamen Willy Brandt legte er sich erst im Exil zu) machte sich keine Illusionen. In Zeiten wie diesen sei das Abitur ein „Berechtigungsschein, der zu nichts berechtigt.“ Frahm wich damit zwar radikal von der optimistischen Klassenmeinung ab, bekam aber trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) ein „sehr gut“.

Hier ist die Top-3 meiner Lieblingsfundstücke.

1. Karl Marx, Abi 1835, „Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl seines Berufes“

Der berühmte Bart und Vordenker des Kommunismus, Karl Marx, legte 1835 seine Abiturprüfung in Trier ab. Obwohl es in dem Aufsatz um die praktische Frage der Berufswahl gehen sollte, vollbrachte er das Kunststück, jeden Hinweis darauf zu vermeiden, was er denn konkret nach der Schule plante. Stattdessen: eine Meditation über die großen Dinge.

„Die Hauptlenkerin aber, die uns bei der Standeswahl leiten muss, ist das Wohl der Menschheit, unsere eigene Vollendung“. Nicht „egoistische Freude“ sei erstrebenswert, sondern das Glück von Millionen. Note: „ziemlich gut“. Am Ende studierte Marx übrigens Jura. Keine Pointe.

2. Sigmund Freud, Matura 1873, griechische Übersetzung

So viel vorweg: Sigmund Freud war schon als Jugendlicher ein Brain, beziehungsweise ein Blitzgneißer, wie die Österreicher sagen würden. Das wussten auch seine Lehrer und stellten ihm deshalb eine besonders schwere Aufgabe in der Griechischprüfung: Statt einer Passage aus den Werken Platons musste Freud Verse des Tragödiendichters Sophokles übersetzen. Ausgerechnet aus „König Ödipus“. Ziemlich komplex (sorry!). Am Ende gab es für ihn trotzdem die Höchstnote summa cum laude. Blitzgneißer eben.

3. Konrad Adenauer, Abi 1894, „Tasso und die beiden Frauengestalten in dem Goetheschen Drama“

Für den späteren Bundeskanzler und seine Mitschüler am Kölner Apostel-Gymnasium ging 1894 der Traum aller Abiturienten in Erfüllung: Sie kannten die Aufgabe schon vorher. Ihr eigener Lehrer hatte sie ihnen verraten! Wie es dazu kam? Einige Wochen vor dem Prüfungstermin setzte ein Schlaganfall den Lehrer der Klasse, Professor Brüggemann, außer Gefecht. Sein Vertreter machte Adenauer und seinen Mitschülern Angst, dass sie das Abitur bei ihm (!) nicht bestehen würden. Daraufhin wendeten sich die Jungen an Brüggemann, der ihnen nach langem Bitten die Aufgabe verriet. Adenauer bekam wegen seines schwerfälligen Stils übrigens nur ein „genügend“.

Quelle: Birgit Lahann, Abitur: Von Duckmäusern und Rebellen – 150 Jahre Zeitgeschichte in Aufsätzen prominenter Deutscher, Gruner und Jahr, 1982

Welcome to Fake-News-Village!

Fake-News: Der angebliche Ritualmord in Judenstein (heute übermaltes Bild aus der Wallfahrtskirche)

In einem malerischen Alpental bei Innsbruck liegt ein Dorf wie aus der Butterwerbung: saftige Wiesen, Tannenwipfel und eine Kirche mit Zwiebeltürmchen. Nur sein Name ist etwas, nun ja, irritierend: Judenstein.

Warum der Ort so heißt, berichten die Gebrüder Grimm in ihren „Deutschen Sagen“: Im Jahr 1462 kauften durchreisende Juden angeblich einem armen Bauern dessen Sohn ab, verschleppten das Kleinkind in einen Wald und folterten es auf einem großen Stein zu Tode. Als der Vater des kleinen Andreas, so der Name des Jungen, sah, dass sich das Geld, das er für ihn bekommen hatte, in Laub verwandelt hatte, wurde er wahnsinnig. Die Mutter des Kindes aber trug die Leiche in die Dorfkirche, wo es schon bald wie ein Heiliger verehrt wurde.

Nichts daran ist wahr. Die Geschichte vom Mord auf dem Judenstein ist nur eine von vielen Legenden, in denen sich die damalige Judenfeindlichkeit ausdrückte. Heute würden wir sagen: Fake-News. Immer wieder wurden Juden beschuldigt, Hostien zu schänden, Christenkinder zu kreuzigen oder Brunnen zu vergiften. Auch ohne Facebook („Armes Heiliges Römisches Reich!!!1!!11“) verbreiteten sich diese Lügen rasch – und boten oft genug einen willkommenen Anlass für Gewalttaten gegen die stigmatisierte Minderheit.

Übrigens: Die Tatsache, dass es den Mord nie gegeben hat, hat die Kirche nicht daran gehindert, ihn für sich zu nutzen. Über den angeblichen Gebeinen des ermordeten Jungen wurde 1671 ein Gotteshaus erbaut. Auch der Judenstein wurde dorthin gebracht. Der neue Wallfahrtsort florierte. 1753 sprach der Papst den Jungen sogar selig. Erst 1994 setzte der Bischof von Innsbruck dem Kult offiziell ein Ende. Seinen Namen aber trägt der Ort noch immer.

Quellen:

https://www.heiligenlexikon.de/BiographienA/Andreas_Oxner.html

Werner Bergmann, Geschichte des Antisemitismus, C.H. Beck

© 2017 Verrückte Geschichte. Alle Rechte vorbehalten.

Thema von Anders Norén.