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Dr. Luthers Hassapotheke

Dr. Luther and Mr. Hyde

Wenn ich heute schon seinetwegen frei habe, will ich wenigstens über ihn schreiben. Hier sind 14 weniger bekannte Aussprüche des großen deutschen Reformators – oder sollte ich besser sagen: des großen deutschen Hasspredigers?

1. Gott schuf den Mann mit breiter Brust und schmalen Hüften, damit großzügig Platz für die Weisheit sei. Die Kloake für die Ausscheidungen aber machte er klein. Bei der Frau ist das gerade umgekehrt. Deshalb haben die Frauen viel Ausscheidungen, aber wenig Weisheit.

2. Die Bauern sind heutzutage vollkommene Schweine. Sie sind es nicht wert, Kinder zu haben, sondern nur Säue.

3. An ihrer Vertreibung und Verfolgung sind sie [die Juden] selber schuld; sollen sie doch die Gründe nennen, warum sie 1500 Jahre vertrieben sind, ein Volk ohne König, ohne Gesetz, ohne Prophet, ohne Tempel. Sie können keine andere Ursache nennen als ihre Sünden.

4. Der Türke ist der letzte und ärgste Zorn des Teufels.

5. Juristen können nichts, und wenn sie viel wissen, so können Sie einen Kuchen [Küche] und Scheißhaus bauen und aufrichten; schmeckt es wohl in der Küche, so wird es desto übler stinken im Scheißhaus.

6. Die Biersäufer sind betrunkene Schweine, die das Reich Gottes nicht zu sehen bekommen werden.

7. Darum wisse du, lieber Christ, dass du nächst dem Teufel keinen bittereren, giftigeren, heftigeren Feind hast als einen rechten Juden. Kein blutdürstigeres und rachgierigeres Volk hat die Sonne je beschienen.

8. Die Spanier sind völlig zügellos, sie übertreffen die Italiener und Franzosen mit ihrer Bosheit. Es kann sie keine Nation leiden.

9. Es ist kein Rock, der einer Frau oder Jungfrau so übel ansteht, als wenn sie klug sein will.

10. Der Mensch ist aus Kot.

11. Ein rechter Jurist, ein böser Christ.

12. Weiberregiment nimmt selten ein gutes End.

13. Um Deutschland steht es schlecht. Mit Deutschland ist es aus.

14. Ich glaube, dass die Welt keine 100 Jahre mehr dauern wird.

Quelle: Günter Scholz, „Habe ich nicht genug Tumult ausgelöst?“, Martin Luther in Selbstzeugnissen, C. H. Beck 2016

Astrid Lindgren würde FDP wählen

Astrid Lindgren: Pippi und die Steuerquote

Nein, würde sie natürlich nicht. Aber 1976 kämpfte die schwedische Kinderbuchautorin gegen einen Feind, auf den auch deutsche Liberale gerne schimpfen: den Spitzensteuersatz. In diesem Jahr bekam die Mutter von Pippi Langstrumpf einen Steuerbescheid, der mindestens so absurd ist wie die Vorstellung, dass sich ein neunjähriges Mädchen mit einem Pferd und einem Affen eine Villa teilt. 102 Prozent sollte Lindgren ans Finanzamt zahlen! Schuld war das immer unübersichtlichere schwedische Steuerrecht mit seinen traditionell hohen Abgabenquoten.

Lindgren, die sich eigentlich nicht viel aus Geld machte und einen bescheidenen Lebensstil pflegte, war außer sich. Seit den 1930er Jahren hatte sie die regierenden Sozialdemokraten unterstützt, aber das ging zu weit. Also schrieb sie kurzerhand ein Märchen über zu hohe Steuern, das am 10. März in einer der größten Tageszeitungen des Landes erschien. Titel: „Pomperipossa in Monismanien“. Darin erhält die Heldin, eine Kinderbuchautorin, ebenfalls einen Steuerbescheid über 102 Prozent und beschließt daraufhin, überhaupt nicht mehr zu arbeiten. Stattdessen lebt sie von Sozialhilfe und erbettelt sich Geld, um einen Kuhfuß zu kaufen, mit dem sie Staatskasse aufbrechen will.

Mit ihrem Text löste Lindgren eine heftige Debatte über das schwedische Steuersystem aus. Für die sozialdemokratische Regierung kam die Attacke der prominenten Autorin zur Unzeit. 1976 war ein Wahljahr und eigentlich wollte der Ministerpräsident Olof Palme mit den Themen „Demokratie am Arbeitsplatz“ und Familienpolitik punkten. Stattdessen verlor er die Wahlen. Zum ersten Mal seit mehr als 40 Jahren stellten die Sozialdemokraten nicht mehr die Regierung in Schweden.

Jens Andersen, Astrid Lindgren: Ihr Leben, Pantheon 2017

Spaß mit Flaggen

Arm dran: US-Schüler beim Treueschwur

Das kann nicht stimmen, das muss eine Fälschung sein. Oder zumindest ein Standbild aus einem dystopischen Film. Einer Schreckensvision eines faschistischen Amerikas. Und doch: Dieses Foto ist echt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erwiesen US-Schulkinder ihrer Flagge tatsächlich mit erhobenem rechten Arm die Ehre. Wer jetzt denkt, dass das verdächtig nach Hitlergruß aussieht, dem geht es so wie dem Kongress. Aber dazu später mehr.

Erfunden wurde der Treueschwur auf die Flagge – der „Pledge of Allegiance“ – anlässlich des 400. Jahrestages von Christopher Kolumbus Ankunft in der Neuen Welt (1892). Der Herausgeber eines auflagenstarken Familienmagazins hatte sich überlegt, dass die USA ein bisschen mehr einenden Patriotismus gebrauchen könnten. Weniger als drei Jahrzehnte nach Ende des Bürgerkrieges, in dem Amerikaner gegen Amerikaner gekämpft hatten, keine absurde Idee.

Den Text des Gelöbnisses verfasste ein Mitarbeiter des Verlegers, der 37-jährige Pastor Francis J. Bellamy. Ergebnis: „I pledge allegiance to my flag and the Republic for which it stands—one Nation indivisible—with liberty and justice for all.“ Während die Schulkinder den Eid aufsagten, sollten sie die Flagge im Klassenraum mit erhobenem rechten Arm grüßen („Bellamy Salute“). Der Treueschwur verbreitete sich rasch überall in den Vereinigten Staaten. Ein voller Erfolg – bis die Faschisten kamen. Erst in Italien, dann auch in Deutschland.

Spätestens in den 1930er Jahren war der Anblick von jungen Amerikanern mit ausgestrecktem rechten Arm ziemlich peinlich. Dennoch erließ der US-Kongress erst 1942 ein Flaggengesetz, dass eine andere Form der Ehrbezeugung vorschrieb. Fortan sollten die Amerikaner beim Gruß des Sternenbanners die Hand aufs Herz legen. Und so ist diese „uramerikanische“ Geste, wie so viele Traditionen, gerade mal ein Menschenleben alt.

Quellen:

https://www.smithsonianmag.com/history/the-man-who-wrote-the-pledge-of-allegiance-93907224/

https://www.smithsonianmag.com/smart-news/rules-about-how-to-address-us-flag-came-about-because-no-one-wanted-to-look-like-a-nazi-180960100/

Die TV-Terroristen

DDR-Fernsehen: Ein Kessel Graues

Der Name, den sich die Erpresser gegeben haben, klingt wie eine Terrororganisation für deutsche Wutbürger: „Gruppe Volkszorn“. Und tatsächlich spricht viel Unmut aus dem Drohbrief, den ein oder mehrere Sachsen am 10. Juli 1984 an den Staatsrat der DDR schicken. Ihr Schreiben haben sie – wie es sich für anständige Erpresser gehört – aus alten Zeitungen zusammengebastelt.

Der Text liest sich entsprechend abgehackt: „Aus kochendem Untergrund in Dresden Forderungen, denen keiner ausweichen kann. BRD Rundfunk- und Fernsehprogramm. Wir drohen mit Gewalt. Einsatz einer Arbeitsgruppe. Bereit zum Sprengen des FS und UKW-Turm Dresden/Wachwitz. UKW-Sender Löbau. Forderungen überbracht. In die Tat umsetzen bis 6. 11. 1984.“

Die Absender, so viel ist klar, gehören zu jenen unglücklichen 15 Prozent der DDR-Bürger, die kein Westfernsehen schauen können. Vor allem im äußersten Südosten sind die Sender aus der Bundesrepublik nicht zu empfangen. Als „Tal der Ahnungslosen“ wird die Gegend verspottet und das Kürzel ARD übersetzen manche scherzhaft mit „Außer Raum Dresden“. Während ihre Mitbürger allabendlich zumindest vor dem Fernseher in den Westen ausreisen können, müssen sich viele Sachsen mit dem Staatsfunk der DDR zufrieden geben. Die Gruppe Volkszorn, so scheint es, will dem Elend nicht mehr länger tatenlos zusehen.

Als die Stasi von der Drohung erfährt, beginnt eine aufwendige Jagd auf die Urheber des Schreibens. Im Rahmen des „Operativen Vorgangs Turm“ starten die Beamten eine Rasterfahndung, die nicht nur all jene ins Visier nimmt, die sich schon einmal über die Empfangssituation beschwert haben, sondern auch Bürger, die für  Wandzeitungen Presseausschnitte verwenden. Mehr als 1800 Personen werden überprüft. Dennoch: Die Stasi tappt im Dunkeln.

Die Erpresser melden sich noch ein letztes Mal. Wenige Tage nachdem die im ersten Brief gesetzte Frist verstrichen ist (ohne, dass irgendetwas geschehen wäre), geht ein zweites Schreiben bei den Behörden ein. Erneut drohen die Erpresser mit Anschlägen. Zitat: „Sprengen ist leicht, denn Technik ist empfindlich, wie ihr.“ Doch wieder passiert nichts. Danach schweigt die Gruppe Volkszorn. Wer sich dahinter verbirgt, ist bis heute nicht bekannt. Die Akte „Turm“ wird 1987 geschlossen.

Heute ist ausgerechnet das „Tal der Ahnungslosen“ eine Hochburg der AfD – einer Partei, die unter anderem das öffentlich-rechtliche Fernsehen abschaffen will.  Verrückte Geschichte.

Quelle: Hans-Jörg Stiehler, Leben ohne Westfernsehen, Leipziger Universitätsverlag

Die Hautattraktion

Oktoberfest: Die Bavarisierung des Abendlandes

Im Jahr 1878 amüsieren sich die Besucher des Oktoberfestes nicht nur in den Bierzelten, sondern auch im „Anatomischen und ethnologischen Museum“. Darin präsentiert ein Schausteller mehrere von verschiedensten Leiden gezeichnete Wachsfiguren. Die Presse reagiert mit Ekel auf die Attraktion. Vor allem die gezeigten Hautkrankheiten werden negativ erwähnt.

Das ist nicht die einzige verrückte Geschichte, die sich über das größte Volksfest der Welt erzählen lässt. Das hier ist meine Top-4.

1. 1865 musste die bayerische Armee ausrücken, um die Ordnung auf der Wiesn wiederherzustellen. Grund war eine gewöhnliche Streiterei, die außer Kontrolle geraten war. Todesopfer gab es keine, aber sechs Menschen wurden verletzt und 114 verhaftet. Um solche Ausschreitungen in Zukunft zu verhindern, wollte die Münchner Polizeidirektion danach den Bierausschank einschränken, doch das ging den Stadtoberen zu weit. Stattdessen einigte man sich darauf, Kegelbahnen und Tanzplätze zu verbieten, weil gerade dort Besucher oft in Streit gerieten.

2. Das Oktoberfest gilt ja als echt bayerisches Fest, aber bis in die 1950er Jahre begeisterten sich die Besucher auch für exotische „Völkerschauen“, bei denen sie Bewohner fremder Erdteile begaffen durften. 1910 wurde auf der Theresienwiese etwa ein „Samoa-Dorf“ errichtet.

3. 1957 wurden die Bundestagswahlen eine Woche verschoben, um nicht mit der Eröffnung des Oktoberfestes zu kollidieren.

4. Nichts sagt so sehr „Bayern!“ wie ein springender Wal. Das dachte sich wohl ein Wiesn-Schausteller im Jahr 1971. Er ließ das 2,5 Tonnen schwere Tier mit einem Spezialflugzeug aus den USA einfliegen und in einem 4500 Besucher fassenden Riesenzelt seine Kunststücke vorführen. Unter anderem durften Mädchen auf dem Meeressäuger reiten. Einen Tag nach Ende des Oktoberfestes ging der Orca ein.

Quelle: Fritz Fenzl, 175 Jahre Oktoberfest, Bruckmann 1985

Deutschland. Ein Tindermärchen

Analog-Tinder: Die Heiratsannonce

Es ist eine vergessene Revolution und mindestens so weltbewegend wie die Erfindung des Rechtswischens: Am 8. Juli 1738 erscheint in Deutschland die erste gedruckte Heiratsannonce. In den Frankfurter „Frag- und Anzeige-Nachrichten“ sucht „ein honettes Frauenzimmer ledigen Standes, guter Gestalt, einen“ – manche Dinge ändern sich nie – „Doctor oder Advocaten ledigen Standes [der] groß und wohl aussieht.“ Keine Ahnung, ob sie ihn gefunden hat. Auch der Name der Frau ist nicht überliefert.

Die neue Mode kommt aus England, wo schon 1695 zum ersten Mal ähnliche Inserate zu lesen waren. Etwa: „Junger Mann von rund 25 Jahren, in einer guten Branche, dessen Vater ihm 1000 Pfund vermachen wird, würde sehr gerne ein passendes match umarmen.“ Klingt ein bisschen nach Tinder, aber während manche bei der Dating-App auch mit Bauchmuskeln und Bikini-Figuren punkten, geht es damals vor allem um Geld. Ein Inserent beschreibt seine Traumfrau als vermögendes „Gentlewoman“ mit einem Vermögen von 3000 Pfund.

Die neue Methode des Kennenlernens scheint zu funktionieren, doch bei den Pionieren herrscht dennoch Rechtfertigungsbedarf. Die erste Annonce aus Hamburg (1792) ist dementsprechend weitschweifig: Da solche „Bekanntmachungen“ wie seine ungewöhnlich seien, schreibt der Junggeselle, „wird mancher diese Ankündigung sonderbar finden, ja wohl gar nachteilige Urteile darüber fällen. Mein Trost hierbei ist nun dieser, dass dies doch nur von einem sehr kleinen Teil des Publikums geschehen dürfte, und dass alles Neue und Ungewöhnliche einem solchen Schicksal unterworfen ist.“ Einer müsse eben den Anfang machen.

Gilt heute immer noch.

Quelle: Peter Kaupp, Das Heiratsinserat im sozialen Wandel, Enke 1968

 

Kurt und gut

1949: Hier kam Kurt

In Zeiten, in denen sich Wahlplakate bisweilen nur mit Mühe von Werbung für Herrenmode unterscheiden lassen, erscheint es verrückt, dass die SPD im Jahr 1949 mit Kurt Schumacher in den Bundestagswahlkampf gezogen ist. In den Anfangsjahren der Republik war der Sozialdemokrat der große Gegenspieler von Konrad Adenauer, um ein Haar wäre er sogar Kanzler geworden – heute ist er weitgehend vergessen. Auch weil er schon 1952 verstarb.

Schumacher war ein Gezeichneter. In seinem geschundenen Körper spiegelten sich die deutschen Katastrophen des 20. Jahrhunderts: Als Kriegsfreiwilliger wurde er 1914 so schwer verwundet, dass ihm der rechte Arm amputiert werden musste. In den letzten Jahren der Weimarer Republik zog er sich als Reichtagsabgeordneter den Hass der NSDAP auf sich. Deren Ideologie sei ein dauernder „Appell an den inneren Schweinehund im Menschen“. Touché.

Nachdem die Nazis die Macht in Deutschland übernommen hatten, wurde Schumacher ins Konzentrationslager gesteckt und gefoltert. Die jahrelange Dunkelhaft ruinierte seine Sehkraft. Als er 1946 zum SPD-Vorsitzenden gewählt wurde, war er ein bereits schwerkranker Mann. 1948 musste ihm wegen einer Thrombose ein Bein abgenommen werden.

Im Wahlkampf 1949 machte Schumacher eine unglückliche Figur. Zu hart, zu kompromisslos trat er auf. Seinen Konkurrenten beschimpfte er als „Lügenauer“, die katholische Kirche als „fünfte Besatzungsmacht“. Die schrillen Töne passten nicht zur Stimmung der Deutschen, die sich nach den Schreckensjahren des Krieges vor allem nach Ruhe sehnten. Ergebnis: 29,2 Prozent (Union: 31 Prozent).

Quelle: Daniela Forkmann und Saskia Richter, Gescheiterte Kanzlerkandidaten, Springer 2007

Von Massenmord und Massenmedien

Barcelona: Propaganda der bösen Tat

Am Abend des 7. November 1893 steht im Opernhaus von Barcelona, dem „Gran Teatre del Liceu“, eine Aufführung von „Wilhelm Tell“ auf dem Programm. Im Parkett sitzen einige der vornehmsten und reichsten Bürger der Stadt. Auf der Tribüne wartet ein Mörder. Sein Name: Santiago Salvador. Während des zweiten Aktes wirft der junge Spanier plötzlich zwei Bomben in den Zuschauerraum. Obwohl nur eine von beiden explodiert, ist der Schaden groß. 15 Menschen sterben sofort, etwa die gleiche Zahl erliegt später ihren Verletzungen.

Die Oper, die an diesem Abend gespielt wird, gibt einen Hinweis auf die Motivation des Täters. Die Geschichte von Wilhelm Tell, eines Freiheitskämpfers und Tyrannenmörders, muss Salvador gefallen. Denn er ist ein Anarchist, der eine herrschaftsfreie Gesellschaft herbeibomben will. Die Vordenker des Anarchismus, auf die er sich beruft, mögen den Massenmord als politisches Mittel ablehnen, doch ihre selbst ernannten Schüler schockieren die Welt mit spektakulären Attentaten. Binnen weniger Jahre ermorden anarchistische Terroristen unter anderem den französischen Präsidenten, den italienischen König, Kaiserin Sissi und den US-Präsidenten William McKinley.

Gemessen am Schrecken, den Salvadors Bomben anrichten, erscheint die Berichterstattung in der britischen „Times“ sehr zurückhaltend. Die Zeitung schildert das Attentat erst auf der dritten Seite. Die Kämpfe im afrikanischen Matabeleland halten die Redakteure für wichtiger. Ganz anders die Blätter des „new journalism“, die in den USA mit riesigen Überschriften und unterhaltsamen Texten auf den Massenmarkt zielen. Die „World“ von Joseph Pulitzer etwa räumt dem Anschlag von Barcelona viel Platz ein. Es ist die bis dahin meistverkaufte Ausgabe in der Geschichte der USA.

So erzählt der Anschlag auf das Liceu nicht nur von den Anfängen des modernen Terrorismus, sondern auch von seiner Symbiose mit den sensationsgierigen Massenmedien.

Quelle: Richard Bach Jensen, The Battle against Anarchist Terrorism“, CUP 2014

In der Aufwärtsspirale

Aufwärts: Wo sind meine Reisekaugummis?

Wenn die Pariser in den 1930er Jahren etwas mutiger beziehungsweise irrer gewesen wären, dann stünden Touristen heute nicht vor dem Eiffelturm Schlange, sondern vor einem 701 Meter hohen Betonriesen namens „Leuchtturm der Welt“. Genauer gesagt: Sie stünden im Stau, denn der besondere Clou des geplanten Baus war eine spiralförmige Rampe, die vom Boden bis zu einem Parkhaus in luftiger Höhe führen sollte.

Der Vater dieses ersten „Drive-In-Aussichtsturms“, Eugène Freyssinet, war kein Spinner, wie man vielleicht denken mag. Im Gegenteil: Der Bauingenieur hatte sich schon einen Namen als Erfinder des Spannbetons gemacht, als er das Turmprojekt für die Pariser Weltausstellung des Jahres 1937 vorschlug. Der Gigant, so seine Schätzung, würde nur 2,5 Millionen Dollar kosten (nach heutigem Wert etwa 42 Millionen Dollar). Damit wäre er halb so teuer wie der 1889 ebenfalls für eine Weltausstellung errichtete Eiffelturm. Problem: Die Verantwortlichen glaubten Freyssinets Kostenvoranschlag nicht und so wurde der Leuchtturm nie gebaut.

Die Weltausstellung fand natürlich trotzdem statt. Eines der Gebäude, das tatsächlich vollendet und mit einer Goldmedaille prämiert wurde, war der deutsche Pavillon. Ein martialischer Marmorbrocken von Albert Speer, inklusive Hakenkreuz. Dann doch lieber das höchste Parkhaus der Welt!

Quelle: http://www.citymetric.com/skylines/6-terrible-construction-projects-were-kind-glad-were-never-built-654

Abi, Abi, Abi

Willy Brandts Zeugnis: Englisch (genügend), Deutsch (gut), Ostpolitik (sehr gut)

Was haben prominente Deutsche in ihren Abituraufsätzen abgeliefert: Unfug oder eine Kostprobe späterer Größe? Dieser Frage ist vor mehr als 30 Jahren die Journalistin Birgit Lahann nachgegangen – und hat unter anderem dieses geniale Bonmot des ersten SPD-Kanzlers gefunden.

Berlin ist konzentrierte Provinz.

Dabei war Berlin gar nicht das Thema, das die Schüler am Lübecker Johanneum diskutieren sollten. Sondern – passend zur Weltwirtschaftskrise, die 1932 ihrem Höhepunkt zustrebte: „Wir sind eine Jugend ohne Hoffnung.“ Der 19-jährige Herbert Frahm (den Decknamen Willy Brandt legte er sich erst im Exil zu) machte sich keine Illusionen. In Zeiten wie diesen sei das Abitur ein „Berechtigungsschein, der zu nichts berechtigt.“ Frahm wich damit zwar radikal von der optimistischen Klassenmeinung ab, bekam aber trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) ein „sehr gut“.

Hier ist die Top-3 meiner Lieblingsfundstücke.

1. Karl Marx, Abi 1835, „Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl seines Berufes“

Der berühmte Bart und Vordenker des Kommunismus, Karl Marx, legte 1835 seine Abiturprüfung in Trier ab. Obwohl es in dem Aufsatz um die praktische Frage der Berufswahl gehen sollte, vollbrachte er das Kunststück, jeden Hinweis darauf zu vermeiden, was er denn konkret nach der Schule plante. Stattdessen: eine Meditation über die großen Dinge.

„Die Hauptlenkerin aber, die uns bei der Standeswahl leiten muss, ist das Wohl der Menschheit, unsere eigene Vollendung“. Nicht „egoistische Freude“ sei erstrebenswert, sondern das Glück von Millionen. Note: „ziemlich gut“. Am Ende studierte Marx übrigens Jura. Keine Pointe.

2. Sigmund Freud, Matura 1873, griechische Übersetzung

So viel vorweg: Sigmund Freud war schon als Jugendlicher ein Brain, beziehungsweise ein Blitzgneißer, wie die Österreicher sagen würden. Das wussten auch seine Lehrer und stellten ihm deshalb eine besonders schwere Aufgabe in der Griechischprüfung: Statt einer Passage aus den Werken Platons musste Freud Verse des Tragödiendichters Sophokles übersetzen. Ausgerechnet aus „König Ödipus“. Ziemlich komplex (sorry!). Am Ende gab es für ihn trotzdem die Höchstnote summa cum laude. Blitzgneißer eben.

3. Konrad Adenauer, Abi 1894, „Tasso und die beiden Frauengestalten in dem Goetheschen Drama“

Für den späteren Bundeskanzler und seine Mitschüler am Kölner Apostel-Gymnasium ging 1894 der Traum aller Abiturienten in Erfüllung: Sie kannten die Aufgabe schon vorher. Ihr eigener Lehrer hatte sie ihnen verraten! Wie es dazu kam? Einige Wochen vor dem Prüfungstermin setzte ein Schlaganfall den Lehrer der Klasse, Professor Brüggemann, außer Gefecht. Sein Vertreter machte Adenauer und seinen Mitschülern Angst, dass sie das Abitur bei ihm (!) nicht bestehen würden. Daraufhin wendeten sich die Jungen an Brüggemann, der ihnen nach langem Bitten die Aufgabe verriet. Adenauer bekam wegen seines schwerfälligen Stils übrigens nur ein „genügend“.

Quelle: Birgit Lahann, Abitur: Von Duckmäusern und Rebellen – 150 Jahre Zeitgeschichte in Aufsätzen prominenter Deutscher, Gruner und Jahr, 1982

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Thema von Anders Norén.